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Love it, change it or leave it -
Möglichkeiten und Grenzen für dieses Lebensmotto

Love it, change it or leave it: entweder du liebst es, oder du änderst es oder du verläßt es! Dieses weise Motto hält uns an, unser Gejammer einzustellen, indem wir eine neue Haltung gewinnen und die Menschen, Dinge und Situationen bedingungslos lieben oder sie ändern bzw. sie verlassen, wenn sie uns stören.

Jedoch bemerken wir recht schnell: wir können nicht alles verlassen, was uns nicht oder nicht mehr gefällt, und darüber hinaus müssen wir uns klar darüber sein, daß wir fast alles - also auch das, was uns heute eher stört - irgendwann einmal selbst in unser Leben geholt haben. Unser heute vielleicht gealtertes Auto haben wir uns vor Jahren gekauft und auf unsere Arbeitsstelle haben wir uns einst eigens beworben. Auch unseren Partner, unsere Partnerin, wollten wir (hoffentlich) damals von ganzem Herzen ...

Zugleich bemerken wir, daß sich Situationen zum Schlechteren gewandt haben mögen, die vielleicht ursprünglich besser aussahen. Gerade in der Beziehung zu unseren Mitmenschen kann es scheinbar so kommen: Menschen, mit denen wir uns für zusammengehörig empfinden, haben sich - womöglich zu ihrem Nachteil - verändert. Oder es scheint uns, als entpuppten sie sich und zeigten hierbei neue, bisher verborgene Haltungen und Eigenschaften. Nicht selten sieht es auch noch so aus, als hätten wir selbst hierauf keinerlei Einfluß gehabt und wissen konnten wir es vorher auch nicht.

Das ultimative "Leave It!", also die Trennung, kann durchaus der gegebene Rat sein, wenn es um materielle Umstände geht. Das Auto, das ein inakzeptables Übermaß an teuren Reparaturen verursacht, muß durch ein besseres ersetzt werden und sogar eine verdächtige Hautveränderung wird der normal denkende Mensch sich schleunigst aus seinem Körper herausschneiden lassen. Was nützt es schon, wenn wir uns vorher die Situation anders ausgemalt hatten? Müßig, dann noch darüber nachzudenken ...

Anders ist es im mitmenschlichen Bereich, speziell wiederum (aber nicht nur) in Partnerschaften. Nur in Situationen, die sich partout nicht ändern lassen, wird man auch hier das "Leave It!" wählen. Problematisch bleibt diese Entscheidung aber dann immer noch. Jahrtausende haben Menschen in Familien, Sippen und Dörfern dauerhaft und eng aufeinander bezogen gelebt. Der einzige trennende Faktor war der Tod. Man kann daher vermuten: unsere Seelen sind (evolutionär betrachtet) nicht auf Trennungen vorbereitet. Erst recht gibt es keinerlei Instinkt oder genetisches Programm, das uns bei der Aufteilung von gemeinsamen Hausständen, Haustieren oder gar Kindern behilflich wäre.

Im Gegenteil: Trennungsängste (deren reale Ursachen wohl darin liegen, daß der oder die Getrennte in früherer Zeit allein womöglich keine oder nur geringe Überlebenschancen hatte) begleiten unsere Entscheidungsfindung ebenso wie mütterliche oder väterliche Sorge um den gemeinsamen Nachwuchs. Schon die Zeiten vor einer möglichen Trennung, in denen wir uns mit der Abwägung von Pro und Kontra einer solchen Entscheidung befassen, können und werden für alle Betroffenen eine schwerwiegende Qual bedeuten.

Und sogar noch lange nach einer vollzogenen Trennung, manchmal erst Jahre später, stellen Menschen fest, daß ihnen diese Trennung nicht bekommen ist und treffen die Entscheidung, doch wieder zusammen leben zu wollen. Hier entpuppt sich nachträglich die Trennung als nur vorübergehende Abwesenheit, als eine Auszeit, deren tieferer Sinn sich vielleicht dann besser offenbart, wenn man sich ansieht, was zwischenzeitlich außen und innen mit den Menschen geschehen ist.

In Beziehung zu anderen Menschen wird also das "Change it!", die Aufforderung zur Änderung, in der Praxis die wichtigste Bedeutung haben. Schnell stellen wir aber fest, daß wir den anderen garnicht ändern können, es vielleicht nicht einmal versuchen dürfen, ihn zu ändern.

Welche Möglichkeiten zur Änderung bleiben also? Natürlich darf ich jederzeit zuerst mich selbst ändern. Garnicht selten merke ich nach und nach sowieso, daß viele der Unannehmlichkeiten, die ich an meinem Partner oder meinen Mitmenschen wahrnehme, garnicht zu ihnen gehören, sondern zu mir. Ich bekomme lediglich eigene Eigenschaften und Unzulänglichkeiten gespiegelt. Solange ich mich selbst nicht kritisch ansehen kann oder möchte, ist es für mich schmerzfreier (aber beileibe noch lange nicht besser), die bestehenden Probleme und die berühmte "Schuld" bei den anderen zu suchen. Fange ich jedoch an, mich selbst zumindest als Mit-Ursache zu begreifen, kann ich mit mir selbst über die betreffenden Themen ins Reine kommen und schon dadurch gewaltige Fortschritte auch in der Beziehung zu anderen Menschen bewirken.

Um das zu vertiefen, hier ein kleines, weithin bekanntes Beispiel:

Wer ist schlimmer: derjenige, der immer wieder die Zahnpastatube völlig verknautscht und dann auch noch unordentlich auf dem Waschbecken liegen läßt oder derjenige, der daran so stark Anstoß nimmt, daß er hieraus einen Streit entfacht, über den die beiden in ein echtes Zerwürfnis geraten?

Egal auf wessen Seite man sich innerlich wohler fühlen mag und wie auch immer man selbst über diese Situation denkt, fest steht: beiden kann man getrost mindestens je eine schlechte Eigenschaft nachsagen. Einer ist nachlässig, unordentlich und verschwenderisch, der andere ist kleinlich und intolerant, beide womöglich sind Streithähne.

Wer bis zu diesem Punkt vorurteilsfrei vorgedrungen ist, möge mir sagen, wer von beiden nun überhaupt noch "das Recht-Haben" für sich in Anspruch nehmen darf. Bestenfalls könnte man beiden empfehlen, jeder an den oben genannten eigenen schlechten Eigenschaften etwas zu bessern und dadurch automatisch auch den Konflikt zu entschärfen ...

Dieses Beispiel führt zu einer erstaunlichen und oft übersehenen Variante der Möglichkeiten zur Änderung. Sie besteht in der Änderung der Struktur. Die Frage "Kann ich unser beider Umstände so verändern, daß die Störung oder der Konflikt dadurch entschärft wird oder sogar verschwindet?" wird vermutlich viel zu selten erwogen.

Letzten Endes wäre es denkbar und durchführbar, daß jeder von beiden seine eigene Zahnpastatube hätte und mit dieser tut oder läßt, was er möchte. Solange einvernehmlich klar ist, daß der andere hierdurch keinen Schaden haben wird und obendrein beide am Handeln des Partners keinen Anstoß nehmen werden, sollte dies doch hoffentlich funktionieren ...

Zwar wird man nur bei Gütern von eher geringem Wert auf diese Weise verfahren können. Dennoch ist es ein möglicher Lösungsansatz für die geschilderten Probleme.

Ein anderes, geradezu klassisches Beispiel einer Strukturänderung und zugleich ein Beleg für die Tragfähigkeit dieses Konzeptes ist das alternde Ehepaar, das sich eines Tages entschließt, in zwei verschiedenen Zimmern zu schlafen, z.B. weil einer der Partner nachts schnarcht und das dem anderen auf Dauer unerträglich erscheint.

Ich erkenne für mich sehr deutlich, daß das "Change It!", die Aufforderung zur Änderung, in erster Linie einen Appell an mich selbst beinhaltet. Kann ich mich selbst, meine Haltung und Einstellung, meine Sicht auf die Dinge irgendwie bessern, indem ich z.B. eine konstruktivere Position einnehme, von der alle, aber letztlich auch ich selbst nur profitiere? Oder kann ich, indem ich die Verhältnisse anders gestalte, das Stör- und Konfliktpotential irgendwie entschärfen?

Darüber hinaus aber scheint mir, wird die innere Bereitschaft, die eigene Haltung zu bedenken und zu ändern, sehr schnell auch für die Umgebung spürbar und führt zu einer positiven und wohlwollenden Beantwortung, zu einer anderen Art, einander zu begegnen. Auf teils unerklärliche Weise scheinen Umstände, die bisher als riesiges Problem aufgefaßt wurden, eine andere Dimension zu gewinnen ...