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Meine Seele wohnt in Pleasantville -
aber in welchem?

Der amerikanische Spielfilm "Pleasantville" lief hier soeben noch einmal im Fernsehen und brachte mich auf einige nachdenkliche Fragen:

David (Darsteller: Tobey Maguire) und seine Schwester Jennifer (Reese Witherspoon), im Film zunächst normale Fernsehzuschauer, werden von einem Techniker mitten in die sauber-adrette, spießige schwarz-weiße Fernseh-Idylle der 50er-Jahre-Soap "Pleasantville" hineinversetzt.

Hier in dieser Stadt führen alle Wege nur im Kreise herum und zu keinem Ziel außerhalb. Dafür wiederum gibt es weder Ärger, Streit noch Unglück. Bücher enthalten leere Seiten, aber keine Texte, und die örtliche Feuerwehr hatte es noch nie mit einem echten Feuer zu tun. Jeder ist nett zu jedem und alles läuft glatt und reibungslos.

Das Dasein der Einwohner ist eher seicht und ohne Tiefe. Jegliche Krisen, aber auch echte Leidenschaften sind ihnen unbekannt. Jede menschliche Begegnung verläuft nach den Regeln eines wohlgeordneten, bürgerlichen Lebens. So bleibt der Alltag der Bewohner gleichförmig und langweilig, grau in grau, jedoch ohne daß sie es zunächst bemerken.

Doch schon bald läßt Jennifer vor Ort ihren Gefühlen freien Lauf, indem sie sich auf handfeste Affairen mit den Jungs einläßt. Denen muss sie aber das Küssen und mehr erst einmal beibringen, denn das gab es bislang in der sauber-schwarz-weißen Welt dort nicht. Ungeahnt bringt sie dadurch Farbe in den banalen Alltag der Einwohner.

Einzelne Rosenblüten strahlen plötzlich ebenso rot wie die erhitzten Wangen und Lippen der Verliebten in Pleasantville. Speziell Lover's Lane, der Treffpunkt der Jugend etwas außerhalb der Stadt, erstrahlt zuerst in vollfarbiger Pracht.

Spaß, Abwechslung und Fantasien verändern zunehmend auch die restliche eintönig-graue Welt von Pleasantville. Kunst wird geschaffen und Farbe sprießt an allen möglichen Ecken der Stadt hervor. Es ist wie eine Invasion, die sich nicht mehr aufhalten läßt. In den Büchern stehen plötzlich Texte und Bilder auf den ursprünglich leeren Seiten und vor der Stadtbücherei bilden sich lange Menschenschlangen der Wißbegierigen.

Jennifer's Bruder David sorgt sich um die Stadt, deren althergebrachte Ordnung sich zugleich zunehmend auflöst. Doch Jennifer zeigt sich unbeeindruckt und findet Sympathien und manchen Nachahmer bei den inzwischen neugierigen Einwohnern.

Diese Entwicklung geht natürlich nicht ohne Konflikte ins Land. Zwischen reaktionären, ängstlichen Kräften einerseits und solchen Menschen, die innerlich Mut fassen und sich trauen, ihren Wünschen, Gefühlen und Leidenschaften nachzugehen, kommt es zu schwerwiegenden Auseinandersetzungen. Bunt bemalte Schaufenster werden demoliert und Bücher verbrannt.

Schließlich aber gewinnt die Farbe die Oberhand und niemand kann sich mehr dem pulsierenden Leben widersetzen, das die Stadt erobert hat. Auch scheint zuletzt niemand daran irgendeinen Schaden zu erleiden.

Sehr beeindruckt hat mich der Stil dieses Films, bei dem ganz allmählich im zunächst schwarz-weißen Bild nur einzelne farbige Gegenstände erscheinen, bis nach und nach alle Bilder vollfarbig werden. Unweigerlich mußte ich an die verschiedensten Kolorierungstechniken in der Fotografie denken. Eine Einzelheit, farbig hervorgehoben, wirkt auf einem grauen Hintergrund umso deutlicher und sticht hervor.

Gary Ross hat sich offenbar 1998 der Computertechnik bedient, um genau dieselben Effekte in seinem Film zu erschaffen. Sehr eindrucksvoll unterstützt er damit visuell die inhaltlichen Aussagen seines Werkes. Immer wieder wechseln farbige mit schwarz-weißen Bildern, je nachdem, um was es gerade geht. Gewissermaßen lebt der Film von diesem zentralen Effekt.

Das anfänglich gezeigte Leben der Stadt erinnert mich an die vielen Heile-Welt-Serien meiner Kindheit: "Lassie", "Fury", "Flipper", "Bonanza" oder "Unsere kleine Farm", und wie sie sonst so alle hießen. Damals zogen sie mich alle in ihren Bann.

"In welchem Pleasantville lebe ich persönlich eigentlich?", hörte ich mich plötzlich innerlich fragen, als ich mir diesen beeindruckenden Film soeben nochmals ansah. Noch wichtiger aber scheint mir die Frage: "In welchem Pleasantville möchte ich eigentlich leben?".

Hierauf kann ich, was mich selbst betrifft, nur eine einzige Antwort geben. Wer möchte schon dauerhaft in einer Welt leben, in der die Straßen immer nur im Kreise herum führen und die Bücher nicht wirklich etwas zu sagen haben?

Zugleich hat mir dieser Film eines noch einmal verdeutlicht: ich muss auch bereit sein, Risiken einzugehen und die ausgetretenen Pfade meiner alltäglich geübten Rituale in Frage zu stellen oder sie sogar aufbrechen, um in diese andere, farbig-leidenschaftliche Welt vordringen zu können. Krisen, Ängste und Konflikte sind dabei nicht auszuschließen, Ungewißheit muss ich ertragen können. Wenn ich bange bin, Veränderungen verhindern möchte oder nicht akzeptieren will, verharre ich im Grau-in-Grau ...