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Zum Thema Bearbeitung, Verfremdung, Bildmanipulation etc.:

Soll ich meine Bilder bearbeiten oder nicht ?

Ähnlich wie das Thema "Warum ich fotografiere" ist dies ist eine Frage, mit der sich ein künstlerisch arbeitender Fotograf zwangsläufig irgendwann auseinandersetzen muss und wird. Er wird ganz einfach durch sein fotografisches Schaffen, gewissermaßen vom Leben selbst, hiermit konfrontiert, ob er nun will oder nicht: kann, soll und will ich, indem ich technische Mittel einsetze, meine Bildergebnisse verändern, (hoffentlich) verbessern? Ganz besonders drastisch tritt diese Frage auf, wenn man beginnt, computertechnische Ausstattung zu verwenden, offenbar, weil sich hier eine Vielzahl zusätzlicher neuer Möglichkeiten eröffnen.

Optionen, die zur Wahl stehen

Die Meinungen zu dieser Frage schwanken zwischen dem Standpunkt des Puristen / Moralisten, der jegliche Beeinflussung des Bildes ablehnt und dem des Pragmatikers / Macchiavellisten, der nach dem Motto verfährt, der Zweck heilige die Mittel (Niccolo Macciavelli, 1469-1527, riet den zeitgenössischen Fürsten, politisch eine ausschließlich zweckgerichtete, an der Staatsräson orientierte Politik zu verfolgen).

Demnach, so schien es mir jedenfalls zunächst, müßte ich mich also lediglich zwischen diesen beiden Positionen für mich persönlich entscheiden.

Ist das aber tatsächlich der Kern der Frage?

Inzwischen aber weiß ich, es ist nicht so einfach, wie es zunächst scheint. Interessant ist, wie weit man sich von dieser banal erscheinenden Ausgangsfrage voran arbeiten kann bis weit in moralisch-philosophische Themen. Tatsächlich: es ist eine moralische Frage, fast schon eine Lebenseinstellung. Keinesfalls kann ich diese einfach mit "ja" oder "nein" beantworten und anschließend ist mein Standpunkt festgelegt und das war es. Denkt man nämlich etwas weiter, kommen dahinter doch eher noch mehr Fragen auf als Antworten. Warum ist es so kompliziert?

Die Vorwürfe an den Macchiavellisten

An den Pragmatiker, der sich herausnimmt, mit beliebigen Mitteln und Vorgehensweisen sein Bild zu bearbeiten, stets nach dem Motto, Hauptsache das Ergebnis stimmt, richten sich die üblichen und lautesten Vorwürfe, etwa so:

Auf Anhieb erscheinen diese Standpunkte einleuchtend und nachvollziehbar. Aber es gibt Gegenfragen.

Was der Purist sich fragen muß

Insbesondere lautet die Frage, ob seine Vorgehensweise tatsächlich so "natürlich" und puristisch ist, wie es anfangs den Eindruck macht:

Mit wenig Mühe lassen sich viele weitere kritische Fragen erdenken, die zwar in eine gewisse Haarspalterei münden, die aber gleichzeitig deutlich machen, daß ein echter Purismus schlechthin nicht definiert werden kann.

Die Standpunkte verlieren ihre gegenseitige Abgrenzbarkeit

Es hat etwas gedauert, bis ich diese beiden Standpunkte so extrem (aber zugleich pointiert) habe ausdrücken können. Jetzt inzwischen steht für mich fest, daß eine genaue Grenze, an der Bildmanipulation beginnt, eigentlich nicht zu ziehen ist. Spezielles "Teufelszeug", wie etwa der Computer, der Scanner oder die Digitalkamera, ist eigentlich garnicht so speziell, wie es auf Anhieb scheint.

Warum soll ich einerseits einen digitalen Filter in der Bildbearbeitung am Computer ablehnen, während ich ein Glasfilter vor dem Kameraobjektiv während der Aufnahme oder das Ausfiltern eines Farbstiches bei der Vergrößerung im Labor als gegebenen Standard akzeptiere? Wer definiert dem Puristen die Wahl und Kombination der erlaubten technischen Mittel? Egal, ob man an diesem Punkt über Bildformate, Kameragehäuse, Objektive, Chemikalien, Speichermedien oder Vorgehensweisen und Methoden sinniert, zuletzt wird man sich womöglich eingestehen müssen, daß zwar das Althergebrachte, Gewohnte und Konventionelle als das "Unverfälschte" erscheint, aber nicht wirklich einem kritischen Hinterfragen stand hält, daher auch gegenüber anderen Möglichkeiten keineswegs höher legitimiert ist.

Fazit: Standpunkte bedürfen einer persönlichen Definition

Die Geschichte lehrt uns, daß Künstler von ihren Zeitgenossen nicht selten unbeachtet und unverstanden blieben und ihren Ruhm erst durch Anerkennung nachfolgender Generationen begründen konnten. Dies sollte uns klar machen, daß auch wir heute womöglich Künstlern mit Kopfschütteln begegnen, weil deren Werk unserer Zeit voraus ist. Ebenso dürfen wir vermuten, daß viele der heutigen modernen Kunstobjekte einer Überprüfung über mehrere Zeitepochen hinweg nicht standhalten werden.

Zweifellos hat ein fotografisches Werk, daß sich an klassischen Vorbildern orientiert, hier eine gute Bewährungschance inmitten gleichartiger Werke unserer Epoche.

Demgegenüber unterliegt ein experimentell handelnder Künstler eher dem Risiko, daß seine Werke später zu einer reinen Modeerscheinung herabgewürdigt werden. Außerdem habe ich tatsächlich den Eindruck, daß vielerlei Experimente schon heute durchaus (und vor allem ausschließlich) modischen Charakter haben. Wenn es "en vogue" ist, seine Bilder auf diese oder jene Art zu verfremden, liegt hierin nicht automatisch ein künstlerischer Wert begründet. Vielmehr besteht sogar eine beachtliche Gefahr, daß der Fotograf sich selbst zum Opfer eines geschickt aufgezogenen Produktmarketings der Hersteller degradiert.

Dies erkennend, scheint es mir sinnvoll, grundsätzlich möglichst viele Vorgehensweisen, Methoden und Mittel zu kennen und deren Einsatzmöglichkeiten bewerten zu können, um dann zu entscheiden, wie ich ein von mir gewünschtes Ergebnis erzielen kann.

Trotzdem noch eine Moral ...

Offensichtlich wird an diesem Punkt, daß es mir persönlich nicht sinnvoll erscheint, sich im Hinblick auf die Wahl seine Möglichkeiten unnötig einzuschränken.

Dennoch bleiben moralische Überlegungen, vielleicht in gewandelter Qualität. Bildbearbeitungen und -manipulationen (insbesondere schwer identifizierbare Änderungen) sollten sich dem Betrachter auf irgendeine Weise dennoch erschließen (soweit dies nicht aus dem Bild an sich möglich ist, ggf. über eine textuelle Erläuterung). Ähnlich wie in der Malerei üblich, kann auch die Beschreibung eines Fotos zusätzlich Aussagen über angewandte Techniken enthalten.

Weiterhin wird der Fotograf sich selbst sinnvollerweise deutlich machen, daß er über eine Effekthascherei (z.B. grelle, schreiende Farben, Eye-Catcher-Methoden usw.) nicht zwingend zu Ergebnissen kommt, die die Zeit überdauern können.

Am Ende weiterhin kontrovers ?

Ich bin gespannt, ob diese, meine innerliche Diskussion dieser Fragen andere Meinungen zutage bringt. Ihre E-Mail zum Thema ist mir daher stets willkommen! Vielleicht ist dieser Stand, auch für mich, noch nicht der Weisheit letzter Schluss ...