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Besuchen Sie Andrigamo's Journal für künstlerische Fotografie (Fine Art Photography), Ausgabe 2003,02 - Hier klicken!

Crossing the Cemetery:
Über die Bedeutung der Friedhofsspaziergänge

Zwar stand ich schon gestern einmal an diesem Grabe,
und doch ist dieses heute ein anderes als je zuvor ...

Wie so oft im Leben führte mich ein Zufall (gibt es den überhaupt?) dazu, Fotos auf Friedhöfen aufzunehmen. Erstmals brachte uns Ludwig auf den Melatenfriedhof, über den ich dann auch recht bald bei XTraTriX einen ersten Bericht mit Fotos ("Von Engeln und Hexen, Reichtum, Seuchen und Krieg. Der Friedhof Melaten in Köln") veröffentlicht habe.

Jedoch zog es mich immer wieder zu diesen Ruhestätten unserer Verstorbenen (natürlich "nur", um dort Fotoaufnahmen zu machen). Erst später begriff ich, daß es dabei auch um mich ging, meine eigene Trauer und meine persönliche Einstellung zum Tod und dem "Danach", sowie dem davor uns gegebenen Leben. Noch einmal viel später begriff ich, daß ich zugleich auch für andere Menschen hier war (siehe weiter unten).

Melatenfriedhof Köln - Frau trauert um ihren Mann (Skulptur)Weibliche FigurAus den Spaziergängen auf Friedhöfen habe ich, ohne es vorher zu ahnen, ganz persönlich profitiert. Ich sah, mit welcher Liebe mancher Partner, manche Partnerin sein(e) Vis-à-vis verabschiedete. Ich sah Gräber von Babies, die noch am Tage ihrer Geburt verstorben waren und vereinzelte Grabsteine von Über-Hundertjährigen. Meine bisherige Vorstellung von Gerechtigkeit erschien mir plötzlich zweifelhaft, wenn nicht sogar albern und kindisch. Persönliche Wehwehchen relativierten sich spontan. Ich begann, meine eigene Existenz mehr als zuvor zu schätzen.

Hier auf dem Friedhof sah ich trauernde Menschen ein- und ausgehen und konnte erkennen, wie nach einiger Zeit Schmerz und Trauer anderen, tieferen Gefühlen Raum gaben. Ich sah die imposanten Grabstätten der ehemals Erfolgreichen ebenso wie die kümmerlichen Überbleibsel der arm Gestorbenen. Ich sah bestens gepflegte Gräber und andere, um die sich inzwischen niemand mehr kümmerte - bei einigen konnte ich ahnen, daß der Schmerz zu stark gewesen sein mochte...

R.I.P.Ich sah Jahreszeiten kommen und gehen und beobachtete, daß sogar Steine sich wandeln und im Laufe der Generationen vergehen, genau wie alles um sie herum.

Blumenarrangement eines GrabesAuf dem Friedhof erkennen wir Grundgesetze allen Seins: ob es binnen Tagen, manchmal binnen Stunden das Verwelken der Blumen ist oder das über die Generationen hinweg dauernde Zerbröseln der Grabsteine: deutlich wird allerorts der diesen Vorgängen innewohnende Wandel - ein Paradigma des Lebens schlechthin. Weniger deutlich, aber ebenfalls spürbar, ist die aus dem Zerfall zugleich hervorgehende Entstehung von Neuem - vielleicht am leichtesten dort zu sehen, wo aus dem zerbrochenen Stein eines alten Grabes das frische Grün eines Unkrautes hervorwuchert.

Genau genommen sah ich also nichts weniger als das ganze Leben ...

Den Weg weisende HandWir wissen, daß wir alle irgendwann sterben, aber wir wissen nicht, was dann kommt. Mehr oder weniger häufig zweifeln wir, ob dann etwas kommt. Paradoxerweise ist es scheinbar gerade diese Unsicherheit, die uns erlaubt und uns geradezu dazu ermahnt, den heutigen Tag, so wie er ist, anzunehmen und zu geniessen. Darüber hinaus tun wir gut daran, für die Zeit nach dem Tode uns eine bessere Welt zu erhoffen.

Ich persönlich habe mich nach allen auf einem Friedhof verbrachten Zeiten, nach jedem dieser Spaziergänge stets lebendiger und zuversichtlicher gefühlt...

Niedergelegte Rose auf GrabplatteKurz vor dieser Veröffentlichung wurde - ebenfalls zufällig - eines meiner Bilder in meinem persönlichen Umfeld als Trauergruß ausgewählt und verwendet. Zugleich gab es Kommentare darüber, was dieses Bild alles ausdrücken kann. Durch diese von meinen eigenen Gedanken abweichenden fremden Interpretationen gewannen diese Fotos eine vorher von mir nicht erkannte zusätzliche Dimension.

Nach und nach, bis heute, ergeben sich weitere Hinweise, die ich gesondert auflisten möchte ...


Diese Seiten widme ich ganz besonders denjenigen Menschen, denen ihre persönliche Trauer im Moment grenzenlos erscheint sowie allen jenen, die (aus welchem Grund auch immer) im Augenblick nicht persönlich auf einen Friedhof gehen können.